"Das Rad erfindet den Menschen neu"

von Dietmar Müller am 10. März 2016
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Die neue Blogparade zum Einfluss künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt von heute und morgen, ausgerufen von unserem Experten Stefan Pfeiffer, hat jede Menge Beiträge angezogen und wird zur CeBIT veröffentlicht. Heute stellen wir Ihnen vorab den Beitrag des Analysten Axel Oppermann von Avispador vor:
Foto: hywards - www.shutterstock.com

"Der Mensch entwickelt seit jeher neue Werkzeuge, um seine Möglichkeiten zu erweitern und sich seine Arbeit einfacher, effizienter und komfortabler zu gestalten. So wie einst Hammer, Meißel und Axt, später dann Dampfmaschinen und Fließbänder sowie schließlich Computer zu mehr Wohlstand und Produktivität führten, sollen es heute und in naher Zukunft Algorithmen und Smart Machines richten. Doch eine Sache ist neu: Abstrakte Dinge und Informationen selbständig zu verarbeiten ist nicht mehr länger das Alleinstellungsmerkmal des Menschen. So wie der Mensch in den letzten 5.000 Jahren versucht hat, sich die Natur untertan zu machen und insbesondere Tiere und Pflanzen dem industriellen Takt des Menschen unterworfen wurden, so sind wir aktuell auf dem besten Wege uns selbst den Maschinen untertan zu machen.

Gerade beobachten wir eine vor allem technologisch getriebene Veränderung, die das Bild einer Vielzahl von Aufgaben und Berufe auf einen Schlag umfassend, nachhaltig und brutal neugestalten wird. Die Rede ist hier insbesondere von kognitiver Technologie. Eine Technologie, ein Grundverständnis - ein Ansatz - der das Potenzial in sich trägt, das menschliche Handeln sowie unser aller Selbstverständnis tiefgreifend zu verändern.

Was bedeutet das?

Wird vom "Arbeitsplatz der Zukunft", dem "Digital Workplace", dem "modernen Arbeiten" oder ähnlichem gesprochen, muss dabei zunehmend folgendes bedacht werden: Es geht nicht mehr primär um die Bereitstellung eines Textverarbeitungsprogramms, es geht nicht mehr um einfache Vernetzung von Mitarbeitern, es geht nicht mehr um plumpe Bereitstellung von Daten und Informationen auf mobilen Geräten. Es geht vielmehr um die Automatisierung von Prozessen, deren ganzheitliche Abbildung in Arbeitsabläufen und Freiräume

Wird von Wettbewerbssituationen, bezogen auf geografische Regionen oder Kompetenzen von Menschen gesprochen, ist der primäre kompetitive Faktor nicht mehr der Mensch oder eine Region mit günstigen Lohnkosten oder niedrigen Steuern ausschlaggebend. Vielmehr tritt der Mensch noch stärker mit der Intelligenz von Algorithmen und automatisierten Prozessen in Wettbewerb. Regionen mit den schwächsten Gesetzen und Regelungen zur Nutzung von künstlicher Intelligenz und Datenschutz treten in direkten Wettbewerb mit etablierten Billiglohnländern für Wissensarbeit.

Technik 1 - Mensch 0

Durch eine neue Form der Automatisierung und Skalierung von Aufgaben, die bislang vor allem den Menschen vorbehalten waren, stehen wir vor einem erneuten radikalen Wandel unserer Arbeitswelt. Der ausschlaggebende und zentrale Faktor wird, wie bereits erwähnt, die kognitive Intelligenz werden.

Der Begriff "Kognition" beschreibt das Denken und damit die Fähigkeit, unstrukturierte Informationen sinnvoll nach Vorgaben zu verarbeiten. Gewissermaßen sind kognitive Technologien zu "Gehirnen" verdrahtete Rechenzentren, also ein regel- und faktenbasiertes System aus Robotik und künstlicher Intelligenz. Diese können Informationen aber nicht nur verarbeiten, sondern zusätzlich eigene Schlüsse ziehen und aus Erfahrungen lernen. Dafür verantwortlich sind u. a. Konzepte auf Basis künstlicher neuronaler Netze, welche eine Klasse von Algorithmen darstellen, die versuchen, die Informationsverarbeitung zu abstrahieren. Die Folge: Einerseits bessere Prozesse, bessere Unterstützung von Menschen, Unternehmen und der Gesellschaft. Andererseits die Substitution von menschlicher Arbeit; insbesondere von Millionen von Task-Workern.

Unternehmen werden keine Alternative haben, sich diesem Weg zu entziehen: Durch den hierdurch direkt und indirekt steigenden Qualitäts-, Preis- und Wettbewerbsdruck haben viele Unternehmen mittelfristig überhaupt keine andere Wahl, als auf solche Technologien zu setzen.

Technik 1 - Mensch 1

Technologien, die mit uns Menschen in natürlicher Weise kommunizieren und uns bei weniger produktiven Arbeiten wie der Recherche oder der Terminverwaltung assistieren, scheinen dabei weniger bedrohlich, als Technik, die Menschen ersetzt. Fakt ist: Der Alltag vieler Task-Worker und Wissensarbeiter - wenn man diese Begriffe überhaupt noch so verwenden kann - ist schließlich nicht nur schwarz oder weiß, sondern vielseitig und bunt. Routineaufgaben wechseln mit kreativen Herausforderungen permanent ab oder sind einfach nicht voneinander zu trennen. Intelligente Tools als Teil von Social-Collaboration-Lösungen und Automatisierungsansätzen können Menschen schließlich vor eigenen Schwächen den Rücken freihalten. Als "Freund und Helfer" reagieren diese für uns auf zeitkritische Anfragen oder lösen Probleme, bevor diese überhaupt für uns Menschen als Problem erkennbar sind. Sie schaffen damit Zeit für das Erledigen kreativer Aufgaben abseits der Routine - als besondere Tüftler, Problemlöser und Weltverbesserer.

Der Mensch wird entscheiden - oder?

Werden uns kognitive Technologien künftig ersetzen oder dienen? Die Antwort ist einfach: darüber entscheiden wir selbst. Künstliche Intelligenz befähigt Maschinen eine Vielzahl komplexer und unvorhersehbarer Probleme unseres Alltags zu lösen. Doch daraus leitet sich keineswegs Empathie oder kreatives Schöpfervermögen ab. Damit spricht einiges für die menschlichen Fähigkeiten, die Komplexität unserer Individuen, Organisationen und der Gesellschaft zu verstehen und auch entsprechend über den Tellerrand hinaus zu handeln. Das schöpferische Zerstörungspotenzial für die Gesellschaft ist enorm.

Auch echte - und keine simulierte - Empathie wird eine Eigenschaft bleiben, die mittelfristig lebenden Organismen vorbehalten ist. Kreativität, Einfühlungsvermögen und Weitblick - das sind die Dinge, auf die wir uns künftig konzentrieren müssen. Wir leben also mit der Verantwortung, uns künftig den anspruchsvolleren Aufgaben zu widmen.

Keine innovativen Rechenschieber

Voraussetzung ist allerdings, die Technik als Hilfestellung für effizientere Arbeitsweisen auch nutzen zu können. Nicht nur Unternehmensstrategien müssen sich dafür neu ausrichten, vor allem die Menschen selbst müssen sich an diese Arbeitsrealitäten gewöhnen. Wir müssen begreifen, dass wir es mit einer völlig neuen Art von Werkzeugen zu tun bekommen. Diese dürfen wir nicht mehr länger als etwas verstehen, dass wir benutzen können wie einen Hammer oder einen Rechenschieber. Mit der Einführung von künstlicher Intelligenz werden wir Teil eines Gesamtsystems - eine Mensch-Maschine-Mensch-Symbiose. Aber auch die intelligenteste Technologie bietet keinen nennenswerten Mehrwert, wenn wir nicht in der Lage sind, diese zu bedienen oder an unsere Arbeitsanforderungen anzupassen. Was also wirklich intelligent ist, ist nicht die Technologie, sondern das Matching zwischen dieser und unserer Realität.

Was bleibt

Das, was heute allgemein verbreitet als "Arbeitsplatz der Zukunft" - als "Digital Workplace", etc. verstanden wird, ist dabei schon heute der Arbeitsplatz der Vergangenheit. Zukünftige Arbeitsmodelle greifen auf hochautomatisierte und durch kognitive Intelligenz unterstützte Komponenten zurück, welche zu einem integrierten Leistungsprozess - einem integrierten Produktionsfaktor Arbeit - von Mensch und Maschine führt.

In anderen Worten: Bisher wurde in der Betriebswirtschaft der Faktor Arbeit als eine Betätigung von Arbeitspersonen in geistiger und körperlicher Form, welche zum Produzieren von Gütern oder Dienstleistungen genutzt werden, definiert. Schon in naher Zukunft wird Arbeit als betriebswirtschaftlicher Faktor neu definiert werden. In der Volkswirtschaftslehre wird Arbeit als menschliche Tätigkeit beschrieben, welche unmittelbar zur Einkommenserzielung dient. Auch diese Definition wird sich ändern. Im volkswirtschaftlichen Sinn wird der stärkste Algorithmus im Kontext mit der Nutzung, reglementiert durch Gesetze, ein entscheidender Produktionsfaktor, der das Arbeitsangebot, den Arbeitsmarkt, die Lohnfindung und die Gesellschaft bestimmt.

Unternehmen ist zu raten, verstärkt in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren. Nicht nur Methodenkompetenz, sondern auch Sozialkompetenz im Umgang mit KI ist gefragt. Menschen tun gut daran, die eigene Rolle und Kompetenzen zu reflektieren. Als Gesellschaft brauchen wir ethische und moralische Leitplanken, die sich an der auf der industriellen Revolution basierenden Sozialgesetzgebung orientieren."

Axel Oppermann wird zusammen mit Jörg Allmann, Joachim Haydecker u.a. am 16.3 ab 17:20 Uhr in der Enterprise Digital Arena der CeBIT an einem Roundtable zum Thema teilnehmen. Am 17.3 um 9:30 Uhr im Social Business Club (IBM-Konferenzzentrum @ CeBIT Halle 2,Stand A10) findet eine weitere Veranstaltung dazu u.a. mit Rüdiger Schönbohm und Jan Westerbarkey statt.

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